Neue Technologie ermöglicht Kunst für alle Budgets

Aktualisiert: 17. Mai

Springer Professional // Noch ist der Handel mit digitaler Kunst kein Massenmarkt. Doch innovative Kunstschaffende und junge Käufer aus Asien haben zumindest einen kleinen Boom ausgelöst. Investoren brauchen aber eine klare Strategie, meint Springer-Autorin Ruth Polleit Riechert im Interview.


© Ruth Polleit Riechert / Fotografin: Anne Simon
© Ruth Polleit Riechert / Fotografin: Anne Simon

Der Kunstmarkt öffnet sich dank der Pandemie und der Digitalisierung einem breiteren Publikum. Welche Mechanismen stecken genau hinter dieser Entwicklung?

Da Galerien schließen mussten, waren sie gezwungen, ihr Angebot online zu veröffentlichen. Der Zugang zum Kunstmarkt wird nun für alle Menschen leichter, insbesondere jüngere Menschen profitieren bereits davon. Da sich erwiesenermaßen Kunstwerke besser verkaufen lassen, wenn online Preise ausgewiesen sind, werden immer mehr Preise veröffentlicht – bislang undenkbar. Click & Buy, was in anderen Branchen längst üblich ist, wird endlich möglich.


Hinzu kommt, dass Street Art Künstler Banksy mit seinen Aktionen ein breites und junges Publikum anspricht. Er setzt das fort, was Keith Haring in den 1980er Jahren beabsichtigte: Art is for everyone. Kunst für jeden. Ein weiterer Aspekt ist die technische Neuerung mit NFT (Non-Fungible Token), die digitale Kunst fälschungssicher und handelbar macht. Das hat besonders interessierte junge Kunstkäufer aus Asien angezogen.


Bislang führte Kunst als Investment eher ein Exoten-Dasein, für das sich vor allem wohlhabende Sammler interessierten. Immer häufiger berichten Medien nun über Auktionen, in denen digitalisierte Kunstobjekte als NFT zu immens großen Summen gehandelt werden. Wandelt sich die Kunst damit zu einem digitalen Asset, mit dem künftig spekuliert und Vermögen diversifiziert wird?

Auktionsrekorde, ob für analoge oder digitale Kunst, sind natürlich eine tolle Geschichte für die Presse und eine wunderbare Vermarktung für Verkäufer, Käufer, Künstler und Auktionshäuser. Sie bilden aber nur einen ganz geringen Teil des Geschehens am Kunstmarkt ab. Interessierte sollten sich davon nicht beeindrucken lassen. Kunst als Investment wird aufgrund steigender Inflation und niedriger Zinsen wieder attraktiv, da Menschen nach alternativen Investments in Sachwerte suchen. Jedoch eignen sich nur ganz wenige Kunstwerke als Investment. Um diese zu finden ist es wichtig, sich gut zu informieren oder Experten hinzuzuholen. In meinem Buch stelle ich sieben Regeln vor, die von Warren Buffett inspiriert sind und bei Kunstinvestments Sinn machen.


Worauf kommt es dabei konkret an?

Wichtig ist, zwischen Spekulieren und Investieren zu unterscheiden. Ein vernünftiges Investment setzt klare Analysen und Strategien voraus. Im Prinzip kommen im Kunstmarkt dafür nur hochpreisige Unikate von Klassikern in Frage, in einzelnen Fällen Editionswerke von bekannten Künstlern. Alles andere, wie der Kauf von Werken weniger bekannten Künstler, die noch keinen Markt haben, ist meist Spekulation. Am Ende liegt der Wert im Auge des Betrachters. Und daher ist das Wichtigste, nur etwas zu kaufen, das gefällt.


Die Digitalisierung bietet viele neue, unterschiedliche Möglichkeiten für Investoren. Was bedeutet das in der Praxis für digitale Kunst und ihr analoges Pendant?

Digitale Kunst wird durch die NFT-Zertifizierung auf der Blockchain fälschungssicher. Bislang konnte sie leicht kopiert werden und war dadurch für den Handel und als Investment uninteressant. Zudem können Künstler als Entsprechung für ein physisches Werk ein NFT herausgeben. Diese Technik haben auch Museen bereits genutzt und NFTs von Meisterwerken herausgegeben, deren Verkauf neues Einkommen generiert hat. Künstler können darüber hinaus reine NFTs entwickeln. NFTs sind somit ein neues Tool, um Kunst abzubilden und zu verkaufen - ähnlich wie die Erfindung der Druckmaschine in der Renaissance von Gutenberg. Der Wert von NFTs ist allerdings schwer vorauszusagen. Es gelten ähnliche Regeln wie im klassischen Kunstmarkt: Je anerkannter der Künstler und je seltener das Kunstwerk, umso teurer das NFT. Analoge Kunst wird dadurch wahrscheinlich noch teurer.


Nun zählt bei der Kapitalanlage am Ender immer die Rendite. Für welche Zielgruppen lohnen aktuell solche Kapitalanlagen?

Aufgrund der neuen Technologien kann der Kunstmarkt 2.0 tatsächlich Teil des Finanzmarktes werden. Denn neuerdings ist es möglich, klassische Meisterwerke zu tokenisieren und Anteile dessen am Markt anzubieten. Daher können auch Kleinanleger Teilhaber von Meisterwerken werden. Hier ist es allerdings wichtig, auch den Einkaufspreis des Werkes einschätzen zu können. Denn wie überall: Die Rendite liegt im Einkauf.


Nun wird es nicht immer einfach sein, die Qualität und den Preis von Kunst im Krypto-Gewand richtig einzuschätzen. Was sollten Investoren über den Kunstmarkt und seine digitalen Ausprägungen wissen und wo lauern die größten Gefahren?

Wie auch bei analoger Kunst gelten ähnliche Regeln: Nur wenige Kunst eignet sich als Anlage. Da der Markt noch sehr jung ist, haben die meisten reinen NFT-Künstler bislang noch wenig Historie. Wichtig ist, sich so gut wie möglich zu informieren und den Künstler kennenzulernen. Es gilt außerdem, nicht nur bestimmte Kriterien für Qualität, sondern auch Marketingaspekte zu beachten, welche bei NFTs noch bedeutsamer sind. Kurzfristige Trends von langfristigen Werten unterscheiden zu können, ist hier genauso wichtig wie im klassischen Kunstmarkt.


Könnte sich daraus auch ein Massenphänomen entwickeln – ähnlich wie bei der T-Aktie in den 1990er Jahren?

In der Community hat es sich bereits als Phänomen entwickelt, besonders bei jüngeren Leuten und Menschen aus Asien. Es hat aber auch bereits immer wieder Einbrüche gegeben. Deswegen sind die meisten Menschen vorsichtig. Warren Buffett sagt: Investiere nur in etwas, womit du dich auskennst!


Macht es bei der Geldanlage grundsätzlich einen Unterschied, ob nun ein klassisches Ölgemälde in Form eines NFT digitalisiert wird oder die Kunst selbst in der Blockchain steckt – das Werk also physisch gar nicht vorhanden ist?

Das kommt auf den einzelnen Fall an. Pauschal kann ich das nicht sagen. NFTs aus den Sammlungen »CryptoPunks« und »Bored Ape Yacht Club« gibt es nicht als analoge Werke; einzelne werden jedoch zu Höchstpreisen gehandelt. Allerdings gibt es hier bislang keine langfristige Performance, wie beispielsweise beim Werk von Picasso. Insofern ist ein Investment in NFTs mit einem wesentlich größeren Risiko verbunden als bei einem bekannten Ölgemälde.

Haben sich auf dem digitalen Kunstmarkt schon spezielle Anlagestrategien - etwa von Banken oder Großinvestoren – etabliert, über die Sie berichten können?

Nein, mir sind keine bekannt. Es gibt auch generell kaum Strategien im Kunstmarkt – erstaunlicherweise oder erschreckenderweise. Da eine meiner ersten Stationen im Kunstmarkt das Auktionshaus Christie’s war und ich dort viele enttäuschte Gesichter erlebt habe, die sich vom Verkauf eines Kunstwerks oder der Sammlung ihrer Eltern viel mehr versprochen hatten, war und ist meine Beratung und Arbeit, auch bei McKinsey & Company, davon geprägt, sich immer eine Strategie zu überlegen, kein Sammelsurium, sondern eine Sammlung mit einem Thema aufbauen.


Beim Thema Kunst als Geldanlage sollte man zunächst eine Analyse machen, die Zielsetzung formulieren und danach eine Strategie entwickeln. Tatsächlich sind einige Anwendungen, wie Warren Buffetts Prinzipien aus dem Finanzmarkt, auch auf den Kunstmarkt anzuwenden, etwas vollkommen Neues, das ich bislang noch nirgendwo gesehen habe.



Das Interview ist ursprünglich auf Springer Professional erschienen.

(Autor: Angelika Breinich-Schilly)

Das Interview wurde auch vom Versicherungsmagazin veröffentlicht.


 


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 // Dr. Ruth Polleit Riechert // Email: contact@rpr-art.com // Phone: +49 (0)6174-955694

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